Pädagogische Konzeption des Waldkindergartens

Das pädagogische Konzept des Waldkindergartens



Die ursprüngliche Idee des Wald- oder Naturkindergartens stammte aus Dänemark. Der erste Waldkindergarten wurde dort 1954 von Frau Ella Flatau gegründet (RECH 1997), die täglich mit einigen Kindern in den Wald ging, um die Natur zu beobachten. Sehr bald schlossen sich ihr einige Eltern an, die mit ihren eigenen Kindern viel im Wald unternahmen. Im Jahre 1995 schließlich war es aufgrunddessen möglich, dass 85 Prozent der dänischen Kinder durch die Existenz der Alternativeinrichtungen überhaupt einen Kindergartenplatz erhalten konnten (ECKHARDT-HANSEN/SJORSLEV 1995).

Erst viele Jahre später,1993 wurde der erste staatlich anerkannte Waldkindergarten Deutschlands in Flensburg gegründet. Seitdem haben sich eine Vielzahl unterschiedlicher Einrichtungen mit dem pädagogischen Schwerpunkt der Wald- und Naturpädagogik entwickelt, die in der vielfältigen Landschaft der Bildung im Elementarbereich fest verankert und ein wesentlicher Bestandteil der Kindertagesbetreung sind. Waldkindergärten sind eine Alternative und Perspektive in der Vorschulpädagogik. In Deutschland gibt es derzeit über 700 Wald-kindergärten (Stand: Mai 2007).und -initiativen und es werden stetig mehr.

Bereits 1968 gab es aber in Wiesbaden einen privaten Waldkindergarten, der allerdings nie staatlich anerkannt oder unterstützt wurde, zur Verbreitung der Idee einer Waldpädagogik im Elementarbereich jedoch wesentlich beigetragen hat.

Der Waldkindergarten wird häufig als „Kindergarten ohne Dach und Wände“ bezeichnet.

Der wesentliche Unterschied zu konventionellen Kindergärten besteht demnach darin, dass die betreuten Kinder mit ihren ErzieherInnen den Kindergartenalltag in der freien Natur verbringen. Die Aktivitäten im Freien finden bei jedem Wetter statt; Einschränkungen gibt es nur bei Witterungsbedingungen, die einen sicheren Aufenthalt im Freien gefährlich machen. Vorgeschrieben sind in Deutschland eine beheizbare Unterkunft in zumutbarer Nähe des Waldgebietes, in welcher Kinder und ErzieherInnen bei unzumutbaren Witterungsbedingungen Schutz und Aufenthaltsmöglichkeit finden sollen. Hierzu dienen in der Regel ein beheizter Bauwagen oder eine Waldhütte.


Die Rechtsform eines Waldkindergartens ist meist der eingetragene Verein (e. V.). Finanziell trägt sich ein Waldkindergarten durch staatliche Zuschüsse, Spenden und Elternbeiträge. Die staatlichen Zuschüsse sind jedoch von Ort zu Ort verschieden.

Beim Umgang mit Spielzeug liegt ein diametraler Unterschied zwischen Waldkindergärten und Regelkindergarten vor. Abgesehen von einigen wenigen Werkzeugen wird völlig auf vorgefertigtes Spielzeug verzichtet. Die Kinder sind in diesem Bereich auf sich gestellt. Dies unterstützt in hohem Maße die Sprachentwicklung, da sie auf die verbale Kommunikation mit anderen Kindern angewiesen sind. Im Wald gibt es keine reizüberfluteten Spielbereiche, wie es häufig in Regelkindergärten der Fall ist. Die Kinder „spielen mit Wurzeln und Stöcken statt mit Puppen und Legosteinen“ (DER SPIEGEL, Nr. 13, 1998, S. 148). Dieses Verhalten fördert die Selbständigkeit, die Kreativität und vor allem die Phantasie der Kinder. Probleme wie zu große Gruppen oder ein begrenztes Raumangebot - wie es in Regelkindergärten häufig angetroffen werden kann – treten nicht auf.
.
Grundsätzlich stehen viele Waldkindergärten einer Aufnahme von Kindern mit Behinderung positiv gegenüber, denn der Wald bietet ein ganzheitliches Erfahrungsfeld für alle Menschen. (WALDKINDERGARTEN WALDENBUCH, TÜBINGEN, WILHELMSDORF; BAD LIEBENZELL, UNTERHACHING u. v. m.).

Dabei umfasst die pädagogische Arbeit im Waldkindergarten alle Entwicklungsbereiche, die für eine ganzheitliche, gesunde Förderung der Kinder notwendig ist:
Das Kind bekommt Raum und Zeit seine Persönlichkeit ganzheitlich zu entfalten:
"Ganzheitliche", elementare Bildung und Erziehung bedeutet, dass das Ziel elementar-pädagogischen Handelns nicht die Vermittlung isolierter Kompetenzen, sondern die Förderung der Gesamtentwicklung des Kindes ist. Dies bedeutet auch, dass Kinder nicht gebildet werden, sondern sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst bilden können und werden..
Die körperliche und seelische Gesundheit wird durch den Aufenthalt im Wald herausgefordert und das Immunsystem der Kinder wird nachhaltig gestärkt

Waldpädagogik fordert alle Sinne

Im Wald werden alle Sinne geschult und eine ganzheitliche Wahrnehmung gefördert. Der Wind und das Lichtspiel in den Blättern, der Geruch feuchter Erde, Raureif an den Gräsern und das Atmen frischer kühler Luft, all das kann nur vor Ort erlebt werden. Wie an keinem anderen Ort kann man im Wald Stille erfahren. Bewusst Stille zu erleben, verleiht innere Ruhe und Ausgeglichenheit.
Zudem impliziert der Erfahrungsraum Wald konsequente psychomotorische Entwicklungsförderung durch eine permanente Stimulation der sogenannten „Nahsinne" Schmecken, Tasten, Fühlen, Riechen; Bewegungs- und Koordinationsförderung.
Die Natur trägt zur Förderung der kindlichen Entwicklung bei und macht Kinder stark und mutig fürs Leben, selbständig und selbstbewusst.

Der Aufenthalt im Wald stärkt und fördert die Sozialkompetenz

Im Wald wird das soziale Miteinander geschult. Die Kinder sind den ganzen Vormittag als Gruppe unterwegs und kommunizieren viel miteinander. Gemeinsame Erlebnisse stärken das Gruppengefühl und steigern so die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe und Rücksichtnahme und fördern Kooperationsbereitschaft.
Kompetenzen, die in der heutigen Zeit von immenser Bedeutung sind, wie Rücksichtnahme, Respekt, die eigene Rolle zu erfahren, Zusammengehörigkeitsgefühl, für andere einsetzen, füreinander da sein, Geduld, zuhören, voneinander lernen, Kontaktaufnahme, sich in sozialen Situationen angemessen und erfolgreich verhalten, Höflichkeit, Störungen ignorieren,… werden selbstverständlich.
Im Umgang miteinander und mit der Natur erfahren die Kinder ihre eigenen Grenzen, sowie die der anderen Kinder.
Im Wald gibt es viel Freiraum, aber auch einige, gut begründete Regeln. So werden notwendige Regeln zum Schutz der Kinder und der Natur gelernt.
Der Aufenthalt in der freien Natur fördert die emotionale und geistige Ausgeglichenheit der Kinder. Die Natur wird unmittelbar erlebt und zusammenhängend begriffen. Der behutsame Umgang mit jeder Art von Leben wird erfahren und gelernt. Kinder, die früh einen ethischen Bezug zur Natur entwickeln, werden voraussichtlich im späteren Leben ihre Umwelt als liebens- und schützenswert erachten: „Was ich liebe schütze ich“.

Wald bedeutet Bewegung

Kinder haben ein enormes Bedürfnis sich zu bewegen. Gesunde, normal entwickelte Kinder im Kindergartenalter sind ständig in Bewegung. Sie müssen die Welt durchmessen - erlaufen, erspringen, erklettern - und sie müssen auf die Welt einwirken - zerstörend und aufbauend, um zu begreifen. Denn das Kennenlernen der Welt geschieht über Tasten, Fühlen, Anfassen, Sehen, Riechen - und dazu muss sich das Kind bewegen.

Bewegung ist für Kinder eine Ausdrucksform ihrer Lebenswelt. Es ist für sie ein lust- und freudvolles Experimentieren mit ihrem Körper. Durch die nicht von Erwachsenen vorgegebene Bewegung lernen die Kinder sich kennen. Sie spüren ihre Körperkräfte und erkennen ihre Grenzen. Ihre Neugierde lässt sie weitere Bewegungsformen ausprobieren und somit ihr Spektrum an Bewegungsmöglichkeiten erweitern. Je weniger die Kinder von Erwachsenen angehalten werden, bestimmte Bewegungsabläufe nachzumachen, desto besser kann das Kind seiner Neugierde folgen.

In unserer Gesellschaft wird diesem kindlichen Grundbedürfnis leider wenig Rechnung getragen. Die meisten Eltern und Erzieherinnen schenken der intellektuellen Entwicklung der Kinder mehr Aufmerksamkeit als der Förderung der Motorik, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass "Kinder, die an reinen Bewegungsförderungsprogrammen teilnahmen, auch in Intelligenztests bessere Ergebnisse erzielten." Genauso sind Bewegung, Sprachentwicklung und logisches Denken miteinander verbunden, wie die moderne Hirnforschung belegt.

Kinder im Kindergartenalter bauen ihre sozialen Kontakte im Wesentlichen über Bewegungshandlungen auf. Voraussetzung für ein gutes Gelingen ist ein gesundes Körperbewusstsein, und dies erhält das Kind, indem es sich in seiner ureigenen Weise bewegen kann. Kinder, die in ihrer Bewegung aus den unterschiedlichsten Gründen eingeschränkt sind, haben es weitaus schwieriger Beziehungen aufzubauen und zu halten.

Auch Gefühle bringen die Kinder durch Bewegung zum Ausdruck. Sie hüpfen vor Freude, stampfen wütend auf den Boden, ziehen sich ängstlich oder traurig zurück. Dazu brauchen sie Raum und eine Atmosphäre, die zulassen und erlauben, dass sie sich so bewegen können, wie es ihnen im Moment zu Mute ist.
Durch Be

wegung kommt es natürlich auch zu einer gesunden körperlichen Entwicklung. Muskelgewebe wird aufgebaut, die Organe wie z.B. das Herz-Kreislaufsystem werden beansprucht und dadurch leistungsfähig, und das Immunsystem wird gestärkt; vielfältigen Krankheiten und Haltungsschäden wird vorgebeugt; die Gesundheit wird gefördert.

Die Natur/der Wald bietet den Kindern einen fast unbegrenzten Raum sich frei zu bewegen. Ungehindert können die Kinder ihrem Bewegungsdrang folgen. Sie können rennen, springen, auf allen Vieren gehen, klettern, balancieren, sich rollen ... So wird bei den Kindern auf ganz natürliche Art der Spaß, die Freude und Lust an der Bewegung erhalten bzw. gefördert. Sie lernen ihren Körper und ihre Kraft kennen. Die Kinder regen und spornen sich gegenseitig an, Neues zu probieren und zu wagen. Sie werden durch keinen Erwachsenen angehalten Bewegungsabläufe zu üben, zu denen sie noch nicht in der Lage sind. Dies erspart viel Enttäuschung und auch die verheerende Einstellung: "Ich kann nicht". Ist das Kind von sich aus zu Neuem bereit, so entwickelt es auch die Kraft, den Willen und die Ausdauer zum Wagen und Üben. Und so kann das Vorhaben gelingen. Solches lust- und freudvolle Experimentieren mit Bewegung bringt dem Kind Selbstvertrauen, festigt oder korrigiert das Selbstbild und erweitert das Spektrum an Bewegungsmöglichkeiten.

Bewegung im Wald und in der Natur bietet durch die Unebenheit des Bodens und der natürlichen Hindernisse ein weiteres unschätzbar wertvolles Übungsfeld.

Der Aufenthalt Wald schafft Kreativität

Der Wald gewährleistet den Kindern einen genügend großen Raum zum Ausleben Ihrer Phantasie und Kreativität. Im Waldkindergarten gibt es kein vorgefertigtes Spielzeug. Die Mädchen und Jungen entwickeln ihre Spielideen ständig neu und ihre Phantasie kennt dabei (fast) keine Grenzen. Das Naturmaterial, das sie in Hülle und Fülle vorfinden, gibt jede Menge Anregungen. Für alle Kinder stehen die gleichen Materialien zur Verfügung und so sind Mädchen und Jungen gleichberechtigte Spielpartner. Der "Abenteuerspielplatz" Wald wartet mit stets neuen Aufgaben, Experimenten, Beobachtungen und Ideen.

Grafik; Naturkindergarten-Rheinbach

Naturerleben und Umweltschutz

Die Kinder erleben bewusst die Natur, sie lernen, in ihr zu leben und sorgsam mit ihr umzugehen. Durch den dauernden Aufenthalt im Freien erleben die Kinder hautnah, welche Besonderheiten die verschiedenen Jahreszeiten haben. Das Erleben und der Umgang mit den existenziellen Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde und mit den Naturerscheinungen, wie Regen, Nebel, Hagel und Schnee, bereichern das Kind in seiner Gesamtpersönlichkeit.

Der jahreszeitliche Rhythmus, die Abläufe im Naturkreislauf werden unmittelbar erlebt.

Die Kinder im Waldkindergarten

Im Rahmen der Waldpädagogik werden die Kinder als Persönlichkeiten gesehen die sich individuell und in ihrem eigenen Tempo entwickeln. Jedes Kind folgt dabei seinem ganz eigenen inneren Bauplan und wir vertrauen auf die kindliche Neugier und den im Kind liegenden inneren Entwicklungsplan. Dabei versuchen die Erwachsenen den für das Kind nahezu unüberschaubaren Raum “Wald” immer wieder auch aus der Perspektive der Kinder zu sehen, um dem kindlichen Geist unsere Welt erfahrbar und be-greifbar zu machen. Die Waldpädagogik sieht die Kinder als kompetente, vollständige kleine Menschen, die in der Lage sind ihren Alltag eigenständig zu gestalten und sich zu ihrem Besten zu entwickeln. Sie traut den Kindern etwas zu, nimmt sie ernst und begegnet ihnen mit Respekt und Wertschätzung. Kinder versuchen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Welt um sie herum zu erobern, zu verstehen und zu be-greifen. Dazu nutzen sie alle Sinne, fordern alle Wahrnehmungsprozesse und drücken sich in vielen unterschiedlichen Sprachen aus. Aufgabe der Erwachsenen muss es daher sein, diese Sprachen zu verstehen, zu übersetzen und so Kommunikation auf unterschiedlichsten Ebenen zu ermöglichen.

Kinder begegnen uns mit ihrer eigenen Persönlichkeit auf der Suche nach Identität. Dabei sind sie neugierig, experimentierfreudig, lernbegierig, ehrlich und direkt. Die Motoren kindlichen Lernens sind ihre Intuition und ihr Gefühl. Je jünger die Kinder sind, desto weniger denken, handeln und entscheiden sie vorausschauend. Daher sind Kinder noch nicht in der Lage Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, können ihre Stärken und Schwächen noch nicht genau einschätzen und haben noch wenige feste Regeln und Normen verinnerlicht. Sie stellen Regeln und Grenzen in Frage und haben dabei im Wald die Chance sich in ihrer Wirkung auf ihre Umwelt direkt zu erfahren.

Als Hauptmerkmal heutiger Kindheit wir jedoch häufig eine so genannte “Entsinnlichung” der Lebenswirklichkeit genannt. Kinder wachsen überwiegend in einer medialisierten und “verinselten” Welt auf, die von Leistungskonkurrenz geprägt ist und die sinnlichen Erfahrungen nur wenig Raum lässt. Gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen haben die direkten Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern stark eingeschränkt bzw. verschoben, so dass es immer schwieriger wird, sich eine Lebensumwelt zu erschließen. Beispiele sind die dicht besiedelten Wohngebiete, die Beschränkung kindlicher Bewegungserfahrungen auf von Erwachsenen geplante Spielplätze, die so genannten Erfahrungen aus zweiter Hand und auch ein veränderter Umgang mit Zeit. Diese aktuellen Veränderungen haben die Gelegenheiten für Primärerfahrungen der Kinder in der Natur stark reduziert.

Die Waldpädagogik nimmt die Rechte der Kinder allerdings genauso wichtig, wie die der Erwachsenen und möchte ihnen ihre Rechte auf eigene Auseinandersetzungen mit der Natur zurückgeben.

Dabei sollen Kinder auch erfahren, dass aus Rechten Pflichten entstehen, weshalb Partizipation ein wesentliches Element der Waldpädagogik ist und die Erziehenden dazu veranlasst Kinder in möglichst viele Entscheidungen, die ihre Anliegen betreffen ihrem Alter entsprechend unterstützend einzubeziehen.
Das heißt, Kinder werden:

  • angeregt sich eine eigene Meinung zu bilden
  • sie lernen ihre Bedürfnisse in Worte zu fassen
  • sie werden sich ihrer Selbst bewusst und lernen der eigenen Intention zu vertrauen
  • sie lernen Möglichkeiten der Konfliktbewältigung kennen
  • sie erleben sich in verschiedenen Rollen und und lernen zu gewinnen und zu verlieren
  • sie erfahren, dass Engagement etwas bewegen kann
  • sie lernen andere Standpunkte kennen und können sich darin üben Kompromisse zu schließen
  • sie lernen anderen zuzuhören und sie aussprechen zu lassen
  • sie lernen Verantwortung für sich und ihre Entscheidungen und für ihre Umwelt zu übernehmen, denn

Waldpädagogik basiert auf Verantwortung und Vertrauen.

image012.jpg

 
© 2008-2018 Kindergruppe Feldmäuse e.V.   |   Datenschutz   |   Impressum